LebensSpuren #2: Raus in den Garten

LebensSpuren #2: Raus in den Garten

Oliver Klemm
von Oliver Klemm

Ein kleiner Ausflug, eine große Lektion

Ein Ausflug in den Garten klingt banal. Für uns ist es ein Abenteuer.

Meine 94-jährige Großtante Emilie lebt mit Demenz. Sie liebt ihren Sessel in der Stube — dort ist alles vertraut, dort ist es sicher. Wenn ich vorschlage, rauszugehen, schaut sie mich meist an, als hätte ich eine völlig verrückte Idee.

„Ach, hier ist’s doch gemütlich“, sagt sie und lehnt sich zurück. Draußen könnte es zu kalt sein. Oder zu warm. Oder zu windig. Kurz gesagt: draußen lauert das Unbekannte.

Und doch — irgendetwas lockt. Ich erzähle vom Eis, das im Garten auf uns wartet. Schokoladeneis. Ihr Blick verrät, dass die Idee nicht völlig abwegig ist.

Bevor wir losziehen, müssen wir einen Zwischenstopp einlegen. „Toilette, besser vorher“, sage ich. Sie nickt, auch wenn sie den Grund sofort wieder vergisst.

Im Bad ist das Fenster spannender als alles andere. „Schau mal, da unten… der mit dem Hund! Kennst du den?“ Wir winken freundlich hinunter und rufen „Hallo“.

Danach sage ich: „Ja, Tantchen, den kenne ich, das ist unser Nachbar.“„Ach so. Und wer war das nochmal?“ Früher kannte sie ihn, heute lernen wir ihn jeden Tag neu kennen. Wir lachen beide.

Und es hat doch noch geklappt mit dem Toilettengang. Wasserhahn an (das Plätschern hilft erstaunlich oft), danach Haare kämmen vor dem Spiegel.

Emilie seufzt: „Fürchterlich.“ — „Na klar“, antworte ich, „du bist ja auch eine ziemlich alte Tante.“ Sie gibt mir einen Klapps auf den Arm und wir müssen beide lachen. „Schließlich gehen wir gleich auf Weltreise.“

Die Stubentür ist verschlossen, die Wohnungstür steht offen — damit wir es ohne Umwege ins Treppenhaus schaffen.

„Sollen wir den Rollator einfach die Treppe runterwerfen?“ fragt sie grinsend. — „Lieber nicht, den brauchen wir doch noch.“ Wir kichern beide, und der Rollator wird sorgfältig geparkt.

Stufe für Stufe gehen wir hinunter. Auf der Zwischenebene wartet ein Bänkchen. „Hier bleib ich jetzt“, sagt sie. — „Nur kurz Pause. Das Eis wartet noch immer.“ Sie zieht eine Augenbraue hoch. „Na gut.“

Irgendwann nach ein paar Minuten geht es weiter.

Vor der Haustür bleiben wir erneut stehen. Emi mustert die Geranien im Nachbargarten und freut sich über die blühenden Blumen.

Dann fällt der Blick auf den zweiten Rollator an der Eingangstreppe, und sie fragt: „Wem gehört das Ding da unten?“„Dir natürlich, Tantchen.“„Sicher?“„Hundertprozentig.“

Dann wollen wir los, aber es geht nicht. Sie flucht, und ich zeige ihr, wie sie die Bremsen lösen kann. Kurze Begeisterung — und wir rollen los.

Im Garten schließlich zwei Sessel unter dem Magnolienbaum. „Ist da einer für mich?“ fragt sie vorsichtig. — „Natürlich. Such dir den schöneren aus.“

Lebensspuren  2 Garten


Manchmal fällt ihr die Entscheidung schwer, also setze ich sie sanft in einen. Mit einem Plumps landet sie im Polster, stöhnt kurz — und sagt dann erleichtert: „Gott sei Dank!“ Wir lachen beide laut.

Dann das Eis. „Warum ist das so kalt?“ fragt sie nach dem ersten Bissen. Aber kurz darauf strahlt sie übers ganze Gesicht. „Ach, ist das gut!“

Wir sitzen da, schauen Vögeln nach, reden über Blumen, wiederholen Fragen, lachen über vergessene Antworten. Und irgendwann sagt Emi leise: „Hier ist es schön.“

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Oliver Klemm
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