Wir müssen reden.

Wir müssen reden.

Oliver Klemm
von Oliver Klemm

Warum wir bei „Deutschland spricht“ mitmachen und welche anderen Wege es gibt, einander wieder besser zuzuhören.


Hej,

beim Stöbern in der ZEIT bin ich die letzten Tage gleich an zwei Texten hängengeblieben.

Der erste war eine Kolumne von Marlene Knobloch über Paul Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“. Ich bekam Lust, das Buch mal wieder aus dem Regal zu holen. Und musste an einen seiner bekanntesten Sätze denken:

Man kann nicht nicht kommunizieren.

Mir fielen sofort ein paar Missverständnisse aus den vergangenen Wochen ein. Momente, in denen zwei Menschen miteinander gesprochen und sich trotzdem nicht verstanden haben.

Ich unterstelle meinem Gegenüber zunächst eine gute Absicht. Nur ist die nicht immer sofort zu erkennen. Manchmal braucht es eine Nachfrage. Einen zweiten Versuch. Oder die Bereitschaft, einen Moment lang nicht schon die eigene Antwort vorzubereiten.

Der zweite Text handelte von „Deutschland spricht“.

Ein Gespräch mit einem Menschen, der anders denkt

Die Idee hinter der von der ZEIT initiierten Aktion ist einfach: Du beantwortest acht Ja-oder-Nein-Fragen zu aktuellen gesellschaftlichen Themen und zusätzlich drei offene Fragen. Anschließend sucht ein Algorithmus nach einem Menschen aus deiner Region, der möglichst anders geantwortet hat.

Wenn ein Gesprächspaar gefunden wurde, bekommen beide eine E-Mail. Stimmen beide zu, können sie Kontakt aufnehmen und sich an einem öffentlichen Ort verabreden. In einem Café, einem Park oder an einem der zentralen Treffpunkte, die es in diesem Jahr erstmals gibt.

Die Gespräche sollen möglichst am Sonntag, 30. August, ab 15 Uhr stattfinden. Falls der Termin nicht passt, kann das Gespräch auch zu einer anderen Zeit oder per Video beziehungsweise Telefon geführt werden.

Da war ich sofort neugierig. Wenige Minuten später hatte ich die Fragen beantwortet und ein paar Sätze dazu geschrieben.

Jetzt bin ich gespannt, ob ein Match zustande kommt und wer mir gegenübersitzen wird.

Rund neun von zehn Teilnehmenden aus den vergangenen Jahren waren mit ihrem Gespräch zufrieden und würden wieder mitmachen. 60 Prozent wollten anschließend mit ihrem Gegenüber in Kontakt bleiben. Und mehr als die Hälfte sagte, die andere Person habe mindestens ein überzeugendes Argument vorgebracht.

Forschende der Universitäten Harvard und Stanford haben untersucht, was solche Begegnungen bewirken können. Ihre Ergebnisse zeigen: Schon ein einziges Gespräch kann die Distanz zu Menschen verringern, die politisch anders denken. Die Meinungen bleiben vielleicht verschieden. Aber der Mensch dahinter wird etwas weniger fremd.

Ein Gespräch löst nicht alles. Aber vielleicht sehen wir den Menschen auf der anderen Seite danach ein wenig anders.

Zuhören, ohne gleich zu antworten

Bei unseren Campfire-Abenden von ZukunftsPfad® treffen sich Menschen am Lagerfeuer, die sich vorher meist nicht kannten. Bei BLACK SESAME Kitchen sitzen zehn Unbekannte gemeinsam an einem Tisch. Und in unserem LebensSpuren-Blog schreibe ich über das Zusammenleben mit Oma, 101, und ihrer dementen Schwester Emi, 95.

So unterschiedlich diese Orte sind, eine Frage taucht immer wieder auf:

Was verändert sich, wenn Menschen einander Zeit geben und wirklich zuhören?

Mit meiner dementen Tante Emi erlebe ich, dass Kommunikation auch dann möglich bleibt, wenn Worte brüchig werden. Ein Blick, eine Berührung oder ein gemeinsames Lachen können manchmal mehr sagen als ein ganzer Satz.

Und dann gibt es da noch jemanden, mit dem Diskutieren nahezu zwecklos ist: ein Pferd.

Montagabends arbeite ich gemeinsam mit meiner Reitlehrerin und Pferden in der Reithalle. Bei der Bodenarbeit geht es darum, klare Signale zu senden, aufmerksam zu beobachten und unmittelbar auf das Gegenüber zu reagieren.

Bodentraining | Foto: Karin Pfeiffer


Ein Pferd sagt mir ziemlich deutlich, ob ich gerade klar bin oder nur glaube, es zu sein. Es reagiert auf Haltung, Aufmerksamkeit und kleinste Bewegungen.

Vielleicht ist das bei Gesprächen unter Menschen gar nicht so viel anders.

Es gibt mehr als einen Weg, miteinander zu reden

Wer selbst erleben möchte, wie ein anderer Austausch aussehen kann, muss nicht bis zum 30. August warten und auch kein Pferd zur Hand haben.

Das Bonn Institute hat mit „Eine Stunde reden“ ein Dialogspiel entwickelt. Klare Regeln, Leitfragen und eine Spielleitung sorgen dafür, dass alle Beteiligten gehört werden. Es geht nicht darum, den eigenen Standpunkt durchzusetzen oder am Ende eine gemeinsame Lösung zu präsentieren. Das Ziel ist, die Sichtweisen der anderen besser zu verstehen.

Ein weiteres Format heißt „Sprechen & Zuhören“ und wurde von Mehr Demokratie e. V. entwickelt. Dabei sitzen Menschen in kleinen Gruppen zusammen. Jede Person erhält dieselbe Redezeit. Während eine spricht, hören die anderen zu. Ohne Unterbrechung, ohne direkte Erwiderung und ohne den Versuch, etwas richtigzustellen.

Das klingt zunächst ungewohnt. Vielleicht sogar ein wenig künstlich.

Im Alltag machen wir oft das Gegenteil: Wir hören zu und bauen dabei schon im Kopf unsere Antwort. Wir suchen nach Lücken im Argument. Oder warten auf den Moment, in dem wir selbst wieder an der Reihe sind.

Aber was hören wir, wenn wir für einen Augenblick nicht antworten müssen?

Mit wem sollten wir mal wieder reden

Vielleicht ist die entscheidende Frage gar nicht, ob wir kommunizieren. Nach Watzlawick tun wir es sowieso. Selbst dann, wenn wir schweigen.

Spannender ist die Frage: Mit wem haben wir schon lange nicht mehr gesprochen? Und bei wem gehen wir einem Gespräch aus dem Weg, weil wir ziemlich sicher sind, dass wir ohnehin nicht einer Meinung sein werden?

Mir fällt dazu ein guter Freund ein. Wir haben uns in den vergangenen Monaten aus den Augen verloren. Bei manchen Themen denken wir unterschiedlich.

Vielleicht ist gerade das ein guter Grund, mich endlich mal wieder bei ihm zu melden. Nicht, um etwas auszudiskutieren. Sondern um zusammenzusitzen, zu reden und zuzuhören.

Am 30. August treffen sich in ganz Deutschland Menschen, die sich vorher noch nie gesehen haben. Einfach, um miteinander zu reden und zuzuhören.

Melanie und ich sind dabei.

Und du?

Hier kannst du dich für „Deutschland spricht“ anmelden.

Guten Morgen

Oliver von ZukunftsPfad®



Weiterlesen und mitmachen

Deutschland spricht 2026
Fragen beantworten und für ein persönliches Gespräch anmelden

Eine Stunde reden
Das Dialogspiel des Bonn Institute

Sprechen & Zuhören
Das Dialogformat von Mehr Demokratie e. V.

Sprechen & Zuhören für junge ErwachseneDas regelmäßige Online-Angebot für Menschen zwischen 16 und 35 Jahren

Oliver Klemm
Oliver Klemm
Oliver ist Mitgründer von ZukunftsPfad® und begleitet Menschen dabei, ihre berufliche Zukunft bewusst zu gestalten. Mit Erfahrung aus Transformation, Innovation und der Überzeugung, dass gute Zukunft durch echte Begegnung entsteht.

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Proviant für unterwegs, ein Abend, der deinen Blick weitet mit der Scout-Map, oder ein echtes Lagerfeuer beim Campfire-Abend.

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